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Das wohl faszinierendste Detailergebnis bei dieser Wahl sind für mich die Grünen. Im 7. Bezirk, der österreichweiten „grünen Hochburg“ sind es -21% (von 32,43% auf 11,40%) und das nachdem noch im Jahr zuvor ein Bundespräsident mit grünem Hintergrund die österreichweiten 50% gegen einen FPÖler geschafft hat – was zugegeben eine Wahl der Extreme war.

Nun kann man viele Punkte diskutieren, die in dieser Wahl für die Grünen nicht funktioniert haben:
(1) Die „Kleinen“ sind zerrieben worden (NEOS konnte auch nicht zulegen, obwohl die ÖVP nach „rechts“ ging und etwas Platz im bürgerlich-liberalen Feld frei geben hätte können), oder
(2) Pilz hat den Grünen nicht nur Wähler genommen, sondern auch in der Stimmung geschadet, oder
(3) das inszenierte Rennen um Platz 1 bis 3 der SPÖ hat wohl massiv den Grünen geschadet, obwohl (für mich) ÖVP-FPÖ wohl schon immer feststand, oder
(4) dass die Grünen nicht rechtzeitig den „Notstand“ ausgerufen haben angesichts der Umfrageergebnisse oder
(5) dass die Stimmungs- und Themenlage und die Legitimierung von „Rechts“ durch die „neue ÖVP“ einfach problematisch war,
aber ich glaube die Grünen müssen sich prinzipiell neu Gründen bzw. eine „neue Marke“ aufbauen und einen Stricht ziehen. Tun sie es nicht, entsteht hier eine riesige Lücke im progressiven sozial-liberalen Bereich entsteht (was ja sogar die politischen Mitbewerber teilweise heute bedauert haben, z.B. der ÖVP-Chef von Salzburg – und das will was heißen).

Wo ich das strukturelle Hauptproblem der „Marke Grün“ sehe:

Zumindest in meiner Wahrnehmung fehlt es den Grünen ja nicht an Expertise und Sachpolitik, aber in der Öffentlichkeit wird das überlagert von regelmäßigen PR-Patzern die sich mit über 30 Jahre gepflegten grünen Stereotypen potenzieren. Sogar in grün-affinen Teil meines Freundeskreises hat sich diese Sicht massiv eingeschlichen.
Die Stereotypen kennen wir alle: Basisdemokratie wird zu „Chaoten“, eine generelle Betonung der Menschenrechte und der Nächstenliebe wird zu „alle Flüchtlinge rein“, der Kampf für Frauenrechte wird zu „Gender-Wahnsinn“ und „Feministinnen“, generell ist man die „Verbotsparte“ – und so weiter…
Dass die ÖVP oder die SPÖ ebenso bei vielen Themen vortrefflich uneinig sind macht sie aber nicht zu „Chaoten“ – da kann so viel Silberstein-Chaos, Prügelei im SPÖ-Team oder ÖVP-Bünde-Hick-Hack abgehen wir man nur will – nie sind es Chaoten. Dass die NEOS ebenso „gendern“ wie die Grünen, fällt anscheinend niemandem auf. Dass die Grünen nie „alle rein“ gefordert haben, sondern sich primär auf Menschenrechte und das Recht auf ein ordentliches Verfahren konzentriert haben bzw. ernsthafte Missstände im Asylsystem aufzeigen, kam nicht so an. Dass jede Partei auch Sachen „verbietet“ (Rauchverbot, Burkaverbot, oder das Verbot der Homoehe) ist kein grünes Alleinstellungsmerkmal.

Diese Stereotypen müssen aber auch gefüttert werden:

Wenn z.B. eine Mini-Truppe der „Jungen Grünen“ die Palastrevolution ausruft, wird das fröhlich gefüttert. Solche „Dramen“ sind zwar so alt wie Jugendorganisationen selbst, aber nur bei den Grünen beschädigen sie die Marke nachhaltig. Wie oft sind VSSTÖ- oder SJ-Leute theatralisch aus der SPÖ ausgetreten oder haben irgendwo gegen die „Mutterpartei“ demonstriert? Die SPÖ ignoriert das freundlich und kein Medium der Welt findet, dass das eine „Geschichte“ ist. Ganz anders bei den Grünen: Die Führung erklärt sich, gibt Interviews und setzt sich sogar zur „Gruppentherapie“ am Sonntagabend zu „Im Zentrum“.
Ähnlich die Episode zum Hochhaus am Eislaufplatz. FPÖ und ÖVP waren gegen das neue Hochhaus, aber die Grünen standen als „Verhinderer“ da, die nicht paktfähig sind, weil es eben eine interne Abstimmung gab. Interne Demokratie (etwas sehr wünschenswertes) wurde zu „Chaos“ und „nicht paktfähig“, das man dann doch „paktfähig“ war – weil die Abgeordneten anders entschieden haben, wurde dann zu „undemokratisch“. Anstatt es tot zu schweigen, setzte sich Vassilakou im Irrglauben das alles jemals erklären zu können auch noch in die ZIB2 – und das lokale Mini-Thema wurde fröhlich österreichweit ausgebreitet. Freunde aus Salzburg die Grün wählen, fanden „ihre“ Partei wieder mal peinlich chaotisch – wegen einem Bauprojekt in Wien.
Das gleiche kann man mit Flüchtlingen durchspielen: Statt zu sagen A, B und C hat ein Menschenrecht aus Asyl oder subsidiären Schutz und D, E, F haben kein Recht auf Asyl und müssen auch entsprechend wieder das Land verlassen, tappten die Grünen in die Falle eine reine „pro Asyl“-Position in der Debatte innezuhaben und den Stereotypen nicht nur zuzulassen, sondern selbst noch zu befeuern. Wie man es machen kann, zeigte z.B. Strolz in der „ORF-Elefantenrunde“ als er von verschiedenen „Türen“ sprach und damit das Asylsystem korrekt darstellte.
Dazu kommen noch fast wöchentliche PR-Aussendungen à la „Wiener Grüne präsentieren Rathausfrau“ oder „Vassilakou will Radwege grün färben“ die keinen einzigen Wähler zu den Grünen bringen, inhaltlich nichts bewegen (kein Cent des Generpaygap wird kleiner wegen einer Rathausfrau), aber eine Steilvorlage für den Hass bieten. Der epische Wiener Kampf zwischen Radfahrern und Autofahren wird mit „Grüne färben Radweg grün“ inklusive „Dafür haben wir wieder Geld!“ und ähnlichen Stammtisch-Dauerbrenner-Argumenten zu einer Melange der Marken-Sabotage.

Kommt man aus dem Spiel noch raus?

Dieses Spiel zwischen von Medien und den politischen Gegnern wiederholten und festgefahrenen Stereotypen und dauernden PR-Patzern (von gutgläubigen Grünen die in ihrer Bubble nicht sehen wir sehr banale Aussagen oft große Teile der Gesellschaft aufregen) hat meiner Meinung die Marke „Grün“ inzwischen nahe dem Totalschaden gebracht – und das trotz guter Arbeit und Abgeordneter.
Es bleibt zu hoffen, dass die Grünen als Phönix aus der Asche auferstehen – auch weil sie eine extrem wichtige Funktion in unserer Demokratie haben. Wie man erfolgreich „rebrandet“ kann man ja beim Wahlgewinner abschauen, aber auch im VdB-Wahlkampf gut sehen.
Die Grünen müssten dabei nicht mal eine blau-schwaze Brühe als türkise Neuerfindung verkaufen, sondern die Störfaktoren etwas filtern und ihre Arbeit als grünes Superfood gegen schwarz-blau positionieren – für dieses Produkt gibt es sicher auch in der Zukunft genug Kunden.